• Künstler/inAgan Harahap
  • TitelMardijker Photo Studio
  • Entstehungsjahr2015
  • GattungInstallation
  • Technik und AbmessungDigitale C-Prints auf Papier, gerahmt, je 25 × 16 cm (15 Prints), 40 × 26 cm (10 Prints) oder 60 × 40 cm (6 Prints)
  • Erwerbungsjahr2020
  • Die Erwerbung wurde ermöglicht durch den Stoberkreis der Freunde der Nationalgalerie.

Agan Harahap, Mardijker Photo Studio, 2015 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns

Agan Harahaps Mardijker Photo Studio präsentiert quasi-historische Narrative als eine fiktive Sammlung von Porträts, die eine Gemeinschaft namens Mardijker zeigen. Die Mardijker setzten sich aus der indigenen Bevölkerung der späteren portugiesischen Eroberungen sowie aus Menschen portugiesischer Abstammung zusammen. Sie waren Nachkommen freier Sklaven während der portugiesischen Kolonialzeit, die sich in größeren Städten Ostindiens – dem heutigen Indonesien – niederließen, wie beispielsweise in der Hafenstadt Batavia – dem heutigen Jakarta.

Das Wort ‚Mardijker‘ geht weit in die indonesische Geschichte zurück. Es stammt vom Sanskritwort ‚Mahardika‘ ab, das Freiheit bedeutet, und wurde populär, als die Niederländer die Politik der passenstelsel (Personalausweise) einführten. Mit der Durchsetzung dieser Politik wurde von den Mardijkern verlangt, die Hand zu heben und „Mardijkers!“ zur Angabe ihres politischen Status zu rufen. Diese Politik führte später zu einer Spaltung zwischen den Mardijkers und den Pribumi, der indigenen Bevölkerung, und einer damit einhergehenden Abgrenzung von der einheimischen Identität, die sich während der indonesischen Revolution noch verschlimmerte. Die Existenz und Identität der Mardijker als ‚befreite‘ Menschen wurde dadurch vage. Sie nahmen einen Zwischenstatus ein: Obwohl sie die europäische Religion und Kultur annahmen, wurden sie von der Kolonialregierung der indigenen Bevölkerung gleichgestellt.

Das Mardijker Photo Studio erschafft seine eigene Version der Geschichte, indem es Photographien aus den Archiven des Tropenmuseum collagiert und manipuliert, um europäische Gesichter auf ‚einheimischen‘ Körpern zu porträtieren und umgekehrt. Die Vertauschung von einheimischen und europäischen Subjekten destabilisiert deren Identität sowie ihre ethnischen und sozialen Hierarchien.

Die auf diese Weise eingefangene Fluidität und Instabilität der Identitäten ist eine Situation, die Agan Harahap als analog zur Verhandlung des zeitgenössischen Indonesiens mit der ‚globalen‘ Kultur betrachtet. In dieser Reihe von einnehmenden und zugleich rätselhaften Porträts scheinen einige Personen selbstbewusst fremde Kleidung und Lebensweisen anzunehmen, während andere Unsicherheit oder Zögern offenbaren.

In der heutigen Welt, in der der Einsatz moderner Technologie die Verbreitung externer Kulturen beschleunigen kann, kann dieser Prozess ebenso auf lokale Kulturen zurückschlagen. Durch Akkulturation und schnellen Informationsfluss können die Identität der lokalen Kultur verdeckt werden, wie es gerade zum Beispiel in vielen modernen südostasiatischen Gesellschaften geschieht. Als eines der größten Länder in der Region ist Indonesien bemüht, seine eigene lokale kulturelle Identität zu bewahren. Doch die rasche Durchdringung der Kultur und die schwache kulturelle Filterung machen Indonesien zu einem Markt für andere Kulturen und führen zum zunehmenden Verlust der nationalen Identität.

Die Bilder des Mardijker Photo Studio kommentieren nicht zuletzt auch die Kolonialphotographie in ihrer Tendenz, ihre Sujets zu exotisieren, sowie unsere Erwartungen an das photographische Bild als ‚Wahrheit‘ und ‚Dokument‘. Harahap weist damit auf die leichte Wiederholbarkeit historischer Voreingenommenheit in der Moderne hin. Während wir uns als Teil einer globalen Gemeinschaft weiterentwickeln, wird es in Zukunft immer schwieriger werden, nationale Identitäten zu bestimmen. Und das macht uns nicht anders als die Mardijker, die ihre wahre Identität verloren haben.

Text: Mizuma Gallery