• Künstler/inChristian Schad
  • TitelSonja (Max Herrmann-Neisse im Hintergrund)
  • Entstehungsjahr1928
  • GattungMalerei
  • Technik und AbmessungÖl auf Leinwand, 90 x 60 cm
  • Erwerbungsjahr1997
  • Erworben, mit Mitteln der Stiftung Ingeborg und Günter Milich, Berlin.

© Christian Schad Stiftung Aschaffenburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Die apartesten, gepflegtesten und auch die schönsten Frauen, die mir bei meinen wechselnden Aufenthalten in Europa begegneten, waren die Berlinerinnen“ – so hat der Maler Christian Schad den Typus der Berlinerin gesehen und mit den Porträts der „Lotte“ (Sprengel Museum Hannover) und der „Sonja“ im Jahre 1928 in unvergleichlicher Noblesse auch gemalt.

Sonja, die Sekretärin, verkehrte im berühmten Künstler- und Literatentreff des „Romanischen Cafés“ an der Gedächtniskirche, das auch die Kulisse für ihr Porträt bildet. Die „Großaufnahme“ einer emanzipierten Berliner Angestellten, die sich schick gemacht hat in ihrem schwarzen Hängerkleidchen mit Seidenschal, am Oberarm Haut schimmern lässt, die Beine lässig übereinander geschlagen, die Zigarettenspitze in der grazilen Hand, „Camel“ ist up to date.

Ein Frauenantlitz, herb, streng und knabenhaft schön: schwarzbrauner Bubikopf mit schmachtender, in die Stirn fallender Locke, über den großen, verschatteten Augen die Schwingung scharf ausradierer Augenbrauen. Neben dem phallischen Flaschenhals an Sonjas Schulter eine aufgeblätterte, rosafarbene Kamelie aus Seide, eine Andeutung erotischen Flairs. Hinter der melancholisch hellwachen Schönen der Nacht sitzen zwei Männer. Der nur angeschnittene Glatzkopf ist der Dichter Max-Herrmann Neisse, eine „nosferatu“-hafte Gestalt mit bizarrem Fledermausohr. Mit ihm „ist in diesem Bild Sonja der Hinweis auf ein Lokal mit etwas literarischer Atmosphäre gegeben – und damit auf den Kreis, in dem die ‚andere‘ Berlinerin sich zu Hause fühlte.“ (Christian Schad).

Weiter entfernt von ihr sitzt der Mann im roten Jackett, angeblich soll der Dargestellte Felix Bryk sein. Im Hintergrund sind florale Art-Déco-Kulissen eingefügt, der kahle Gang führt in eine großstädtische Situation des Ungefähren und der Verlorenheit. Wie ein Modedesigner hat der Maler dann im rechten, schwarzen Ärmel sein Signum als Schlusspunkt gesetzt: SCHAD 28.

Christian Schad porträtierte mit seiner Sonja eine Berlinerin „vor“ den Männern: jung, intelligent, modisch, schön und selbstbewusst. Eine urbane Schönheit, die in ihrer feinfrostigen Coolness auch Distanz gebietet. In dieser zeitlosen „Klassefrau“ aus einfachen Verhältnissen steckt bei allem neusachlichen Zeitgeist der „Goldenen Zwanziger Jahre“ auch etwas vom Aristokratismus der Johanna von Aragonien, den Schad so sehr an Raffaelo Santi und den Malern der Renaissance schätzte. Mit seinem exemplarischen Großstadtgewächs der Berlinerin „Sonja“ gibt Schad ein kühl sondiertes Typusporträt über das speziell Individuelle hinaus, in dem die soziale Charakterisierung aber bewusst ausgespart bleibt: „Mein Interesse gilt dem inneren Wesen des Menschen. Das pragmatische, äußere Geschehen interessiert mich weniger.“

Roland März