• Künstler/inFerdinand Hodler
  • TitelDer Redner
  • Entstehungsjahr1912
  • GattungMalerei
  • Technik und AbmessungÖl auf Leinwand, 251 x 143,5 cm
  • Erwerbungsjahr1981
  • Bez. rechts unten: F. Hodler

Nach dem Erfolg seines Bildes Aufbruch des Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813, 1908-09, in der Berliner Secession erhielt Hodler auf Empfehlung Max Liebermanns im Januar 1911 von der Stadt Hannover den Auftrag, ein großes Wandbild für den Sitzungssaal der Kollegien im neuerbauten Rathaus zu schaffen. Geschichte ist hier inszeniert als theatralisches Ereignisbild und das historische Thema der „Einmütigkeit“ als Aufgabe monumentaler Wanddekoration begriffen: Der Schwur der hannoverschen Bürgerschaft am 26. Juni 1533 auf dem Marktplatz zum Protestantismus. Die historische Wirklichkeit sah aber anders aus, hatten sich doch dort nicht das Volk, sondern nur die Regenten, Ratsherren, Gilde- und Zunftmeister versammelt.

Ende Oktober 1911 lagen die ersten Entwürfe Hodlers vor. Ende Dezember ist das Wandbild „ordentlich vorangerückt“. Für die zentrale Figur des „Redners“ entstanden mehr als 20 Vorzeichnungen und 6 Ölstudien, die Berliner Fassung ist die größte und eindrucksvollste von ihnen. Im Juni 1913 wurde der Sitzungssaal mit dem etwa 15 Meter langen, aus vier Leinwänden bestehenden, fast 5 Meter hohen Wandbild sinnbildhafter Einmütigkeit der 60 Schwörenden an der Stirnwand des Saales eingeweiht. Die Idee der Einheit wird von Hodler präsentiert im rhythmischen, choreographischen „Parallelismus“ der historisch gewandeten Figuren. Kaiser Wilhelm II. zeigte sich angesichts der deklamatorischen Gestik der Szenerie, wie die Tagespresse meldete, „überrascht“, er „kam, sah und schwieg“, die Ablehnung und das Unbehagen der Öffentlichkeit aber wuchs.

Für die Hauptfigur des Redners, den Wortführer Dietrich Arnsborg, stand Hodlers Sohn Hector Modell. Inmitten der Phalanx der Figuren, die im Schwur des Hodlerschen „Parallelismus“ schwörend die Hände gen Himmel recken, ist die verwegene zentrale Figur im roten Wams zur Pathosformel des Agitators und religiösen Revolutionärs überhöht. Einmütigkeit, Treue und Menschheitsverbrüderung werden in kolossalischer Gesinnung demonstriert, die mitreißende Rolle des Reformators ist pantomimisch betont: „Diese Figur lebt nicht aus dem Körper, sondern aus dem Umriß. Intressanterweise ist die Gestalt, was die Rückansicht der Leinwand deutlich macht, nicht aus dem Körper, sondern aus seinem Umfeld oder aus den Negativformen gemalt, die darum auch so eigenständige Bedeutung haben. Flach wie ein Scherenschnitt von Matisse aus den 50er Jahren und ebenso mächtig in der freien Aussagekraft der Linie steht dieser eindrucksvolle und bekennende Mensch uns gegenüber, mehr Zeichen als Person, mehr Sinnbild als Abbild eines aus sich heraus lebenden und handelnden Menschen.“ (Dieter Honisch, 1981).

Der Verein der Freunde der Nationalgalerie erwarb mit Hodlers Der Redner eines der Hauptwerke des Wegbereiters des Expressionismus, das in der Sammlung Europäischer Kunst um 1900 mit seinem expressiven Gestus der monumenthaften Erhabenheit wie der bildnerischen Eurythmie eine der Brücken zur Moderne schlägt.

Roland März